Sterbebegleitung

Von Hieronymus Bosch – art database, Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=147990

Sterbe-Begleitung Was geschieht, wenn wir sterben? Was, wenn wir erfahren, dass wir sterben müssen? Was im Prozess des Sterbens selbst? – Die Themen Tod und Sterben gehören zu den verwirrendsten Fragen der Menschheit und werden oft tabuisiert. Doch wenn ein Mensch erkennt, dass sein Ende absehbar ist, beginnt die Auseinandersetzung damit. In Tagebüchern, Gedichten und anderen Textformen wird die eigene Vergänglichkeit reflektiert. Andere Menschen suchen das Gespräch darüber mit Angehörigen oder Spezialisten wie Therapeuten oder Hospiz-Mitarbeiterinnen.

Diese Formen der Auseinandersetzungen helfen dem Betroffenen, sich vorzubereiten und zwar auf einer äußeren organisatorischen, als auch auf der psychischen Ebene. Wichtig ist oft auch, das Abschließen einer Lebensbilanz.

Was ist der Tod?

Rein medizinisch gesehen, bedeutet der Tod das Erlöschen der Lebensfunktionen des Körpers. Dabei wird die Gehirntätigkeit als zentrales Kriterium genommen. Aus psychologischer Sicht erlischt mit dem Tod die Persönlichkeit eines Menschen. Sie definiert sich maßgeblich über das Ich und dessen vielfältige Beziehungen zu anderen Menschen, Situationen und Umständen. Anzumerken ist, dass die Persönlichkeit im Gedenken von Angehörigen und Freunden bewahrt wird.

Aus religiöser und/ oder spiritueller Sicht stellt der Tod eine Transformation dar. Mit dem Ende der irdischen Existenz öffnet sich die Tür zum jenseitigen Welt. Die Seele löst sich vom Körper und steigt auf ins Licht. Auch wenn diese Sichtweise wissenschaftlich kaum zu belegen ist, berichten Menschen mit Nah-Tod-Erfahrungen übereinstimmend über diesen Transformationsprozess. Später mehr davon.

Phasen des Sterbens

Die Einsicht, sterben zu müssen, löst bei den Betroffenen verschiedene psychischen Bewegungen. Diese Bewegungen können unterschiedlich ausgeprägt sein, was die Dauer und Intensität angeht. Auch können bestimmte Phasen mehrfach auftreten. Die Literatur unterscheidet im Große und ganzen die folgenden Phasen:

Nicht-wahrhaben-Wollen (Leugnen) und Isolierung

Die Krankheit wird zuerst geleugnet. Kranke behaupten beispielsweise, dass das Röntgenbild vertauscht wurde oder eine ärztliche Fehldiagnose gestellt worden sei. Falls die Familie sich nicht mit dem Tod auseinandersetzen will, kann sie in dieser Phase nicht helfen. Die Konsequenz bedeutet für die Angehörigen, dass sie den Tod der Sterbenden herbeisehnen („Stirb so schnell wie möglich“). Außenstehende können helfen, indem sie Vertrauen anbieten und die Kranken unterstützen.

Zorn bzw. Widerstand

Kranke verspüren Neid auf die Weiterlebenden. Ihre Gedanken drehen sich um die Frage: „Warum ich?“ Das führt zu unkontrollierbarer Wut auf alle, die nicht an der Krankheit leiden, wie z. B. Pflegende, Ärzte und Angehörige. Diese können weiter ihr Geld verdienen, es in Urlauben ausgeben und ihre Pläne realisieren. Die Angst, vergessen zu werden, plagt Sterbende zudem, sie empfinden ihr Leiden vor dem Hintergrund der Katastrophen im Fernsehen als unwichtig. Hilfe kann Aufmerksamkeit sein, den Kranken nicht aus dem Weg zu gehen und ihren Zorn notfalls zu provozieren, so dass es zur Aussprache kommt. Wichtig dabei bleibt, dass die Betreuenden diesen Zorn nicht persönlich nehmen, da er sonst Gegenzorn provoziert, was eine Spirale des Streits nach sich zieht.

Verhandeln

Dies ist eine kurze und flüchtige Phase, in der kindliche Verhaltensweisen zu Tage kommen, wie die eines erst zornigen, dann verhandelnden Kindes, das sich mit häuslichen Tätigkeiten eine Belohnung verdienen will. Kranke hoffen durch „Kooperation“ auf Belohnung, etwa eine längere Lebensspanne und Freiheit von Schmerzen. Meist wird der Handel streng geheim mit Gott geschlossen, indem sie ihr Leben der Kirche widmen oder ihre Körper der anatomischen Lehre und Wissenschaft zur Verfügung stellen. Um Kranken in dieser Phase beizustehen, hilft es, ihren Schuldgefühlen beispielsweise gegenüber Gott oder den Mitmenschen mitunter befreiende Anerkennung einzuräumen.

Depression und Leid

Die Erstarrung, der Zorn und die Wut werden in zwei Formen von Verzweiflung und Verlust abgelöst. Die erste Form ist reaktiv. Sie bezieht sich auf einen bereits geschehenen Verlust, beispielsweise die Brust nach einer OP, das Geld für das Krankenhaus, die Verantwortung gegenüber der Familie. Durch Bekämpfung dieser Sorgen mit beispielsweise einer Brustprothese oder der erforderlichen Umstellung der Familienversorgung kann den Leidenden geholfen werden. Die zweite Form ist vorbereitender Natur und kümmert sich um einen drohenden Verlust wie den Tod oder die Abwesenheit im Leben der Verwandten. Auch hier kann Intervention des Umfeldes der Kranken in ihrem Leiden Linderung verschaffen, z. B. durch Berichte von den Angehörigen, dass Kinder weiter gute Noten schreiben und viel spielen, d. h., dass sie trotz Abwesenheit des Kranken ihr gewohntes Leben fortführen. Zu viel Besuch stört jedoch das Trauern, das den Kranken immer erlaubt sein muss. Ohne subjektives Kennen der Angst und der Verzweiflung ist kein Erreichen der nächsten Phase in Sicht.

Annahme

Nach Neid und Zorn auf alle Gesunden und Lebenden erwarten die Kranken den Tod und dehnen ihren Schlaf aus. Diese Phase ist frei von vorangegangenen Gefühlen, der Kampf ist vorbei, der Schmerz vergangen und die Sterbenskranken wollen von den Problemen der Außenwelt in Ruhe gelassen werden. Somit ist dies die schwierigste Phase für die Personen im Umfeld der Sterbenden, da sie nunmehr auch Zurückweisungen erfahren. Alte Menschen erreichen diese Phase der Annahme leichter. Sie blicken auf ihr Leben und einen für sich erkannten Sinn (z. B. eigene Kinder) zurück. Schwierigkeit in diesem Prozess macht die Unterscheidung dieser Phase gegenüber frühem Aufgeben. Angehörige helfen am besten durch stummes Zuhören, indem sie dadurch zeigen, dass sie bis zum Tod dabei bleiben.

In allen Phasen äußern Sterbenskranke direkt oder indirekt ihre Hoffnung, nicht sterben zu müssen. Es wäre ein Fehler, ihnen die Hoffnung zu nehmen. Nach Elisabeth Kübler-Ross ist es Aufgabe der Angehörigen, Pflegenden und der Ärzte, die Hoffnung aufrechtzuerhalten. Dazu könne man Sterbenden vermitteln, dass ihnen jede nötige Hilfe und Erleichterung zukommt. Auf diese Weise würden die Begleiter zu Freunden.

Was geschieht beim Sterben?

Menschen, die eine Nah-Tod-Erfahrung gemacht haben, berichten relativ übereinstimmend über folgende Erlebnisse:

  • Friede und Schmerzlosigkeit (32%)
  • Das Verlassen des Körpers (26%)
  • Das Tunnelerlebnis (9%)
  • Lichtgestalten (23%)
  • Begegnung mit einem höheren Wesen (23%)
  • Der Lebensrückblick (32%)
  • Rascher Aufstieg zum Himmel (32%)
  • Widerwillige Rückkehr

Diese Angaben stammen aus dem Buch: Das Licht von drüben von Raymond Moody. Siehe Raymond Moody – Wikipedia

Der Lebensrückblick

Viele ältere Menschen empfinden es sehr befriedigend, einen Lebensrückblick zu machen und dabei mit ungelösten Fragen in Frieden zu kommen und das Erlebte und Erlittene zu ordnen und damit zu verstehen. Eine praktikable Anleitung dafür gibt der bekannte Kommunikationsforscher Friedemann Schulz von Thun mit seinem Buch Erfülltes Leben.

Hier beschreibt der Autor fünf Felder, die bei einem Lebensrückblick zu “bestellen” sind.

  • Wunscherfüllung: Was hat sich in meinem Leben erfüllt, was nicht?
  • Sinnerfüllung: Was ist durch mein Sein und Tun in die Welt gekommen?
  • Biografische Erfüllung: Was habe ich erlebt, was erlitten?
  • Daseinserfüllung: Welche einfachen Erfahrungen des Hier und Jetzt bereichern mein Leben?
  • Selbsterfüllung: Wozu bin ich auf dieser Erde, was ist meine zentrale Erkenntnis?

Die Beantwortung dieser Fragen hilft vielen Menschen, alte Verstrickungen loszulassen. Frei von der Vergangenheit werden wir offen für das, was kommt.

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